Geschrieben von: Dipl. Psychologe Günther Kasseckert
Musik – im Spielfeld zwischen Harmonie, Hochkultur und Heilung
Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.
Victor Hugo
Ich liege im Operationsraum. Höllische Schmerzen im Schienbein. Das ärztliche Personal macht sich bereit. Trümmerfraktur im rechten Unterschenkel. Mit dem Chirurgen wurde das Anbringen eines Fixateuer Extern vereinbart. Lokale Betäubung, fünf Hartmetallschrauben direkt in den Knochen. Beim ersten Bohrgeräusch zucke ich zusammen. Angst! Die Anästhesistin fragt mich, ob sie mir zusätzlich ein Beruhigungsmittel geben soll. Ich verneine, frage aber, ob ich über Kopfhörer Musik von Claude Debussy hören kann. Es wird bejaht. Minuten später tauche ich in Debussies impressionistisches Meisterwerk „La mer“ ein. Trotz der vor mir liegenden schweren Operation kann ich entspannen. Ein Beruhigungsmittel ist nicht mehr nötig. Ich erfahre sehr konkret und nachhaltig, was Musik bewirken kann. In der Musik werden Gedanken, Gefühle und Sachverhalte in akustischen Systemen dargestellt. Dabei geht es nicht primär um die Vermittlung konkreter Inhalte, sondern um die Umsetzung emotionaler Botschaften.
Eine Beethoven- oder Sibelius- Symphonie kann die interessierte Zuhörerschaft mit vielfältigen emotional unterschiedlich eingefärbten Geschichten verzaubern. Wir erleben Freude, Glück, Leid, Hoffnung, Ruhe, ohne ein einziges Wort. Die vegetativen Nervensysteme aller Menschen reagieren schon seit Urzeiten sehr stark auf Musik. Unabhängig von Erziehung, Bildung und kulturellen Einflüssen.Da Musik durch unseren gesamten Organismus strömt, nimmt sie erheblich Einfluß auf körperliche Reaktionen, Stoffwechselprozesse und Emotionen. Hierbei spielen drei Hauptkomponenten eine zentrale Rolle: Rhythmus, Harmonie und Melodie. Der Rhythmus ist wie ein „kosmisches Pendel“. Viele Phänomene verlaufen rythmisch. Die Planetenbahnen, die Jahreszeiten, der Herzschlag, Hormonzyklen, unzählige Stoffwechselprozesse. Rhythmus berührt uns im Ureigensten. Wir empfinden Rhythmen als wohltuend, anregend und inspirierend. Harmonien sind Abbildungen von Stimmungen und Gefühlen. Wir können Angst, Freude, Trauer, Ärger sogar Hilflosigkeit oder Neugier hören und in unserer Phantasie mannigfaltige Assoziationsketten daraus aufbauen.
Melodien sind die kleinen und großen akustischen Geschichten, die über die Instrumente oder Singstimme erzählt werden. In der Melodie verbinden sich kognitive und emotionale Verarbeitungsmechanismen. Musik wirkt auf körperliche und geistige Prozesse. Die komplexen neuronalen Verschaltungen im Gehirn, die letztlich für unser Wohlbefinden verantwortlich sind, können durch musikalischen input aktiviert werden und führen zu teilweise heilsamen Wirkungen. Diesen Umstand macht sich zum Beispiel das Personal im Sportkrankenhaus Lüdenscheid-Hellersen zunutze. Durch gezielten Einsatz von Musik kann hier die Gabe von beruhigenden Medikamenten bis zur Hälfte reduzieren werden. Musik ist hier ein wichtiger Bestandteil des Angebotes für die Patienten, um sie ohne chemische Hilfsmittel auf Operationen vor zu bereiten.








