Geschrieben von: Stephanie Brandenburg
Interview mit Lopon Ugyen Rinpoche – Tod und Sterben im tibetischen Buddhismus
Es gibt immer wieder Situationen in denen es noch einen Konflikt mit einem nahestehenden sterbenden Menschen gibt. Was wäre Ihre Empfehlung in dieser Situation?
Wenn jemand einem nahe steht ist es manchmal unvermeidlich, dass man sich noch sieht bevor derjenige stirbt und dann ist es eben das Beste, dass man die Probleme noch löst. Man sollte aber selbst die Initiative ergreifen, weil man selbst der ist der eben nicht stirbt und dies aber nicht in der Perspektive in Angriff nehmen, dass man sagt, wer hatte „Recht“, wer hatte „Unrecht“ , sondern man sollte es in einer Form machen die, die Gefühle des anderen berücksichtigen, und so handeln das die Gefühle des anderen nicht verletzt werden.
Denn in unserem Leben gibt es keine letztendliche Wirklichkeit, wenn die Vorbedingungen sich ändern, dann ändert sich auch das was wir für Wahr halten. Deswegen hat es überhaupt keinen Sinn sich festzuhalten an einer Haltung „das ist Richtig“ und die „Wahrheit“. Wenn derjenige jetzt stirbt und man ein Problem nicht angemessen lösen kann, dann stirbt dieser Mensch mit Gefühlen der Reue und er wird während des Sterbens und möglicherweise nach dem Sterben keinen Frieden haben und für uns Hinterbliebene geschieht das gleiche.
Deswegen ist es besser zu versuchen den Konflikt zu lösen, aber dabei auf den Sterbenden so zuzugehen, dass es angenehm für seine Gefühle ist z.B. die Schuld auf sich zu nehmen für den Konflikt der noch besteht, Dinge zu sagen, die dazu führen, dass der Sterbende sich entspannt und keine Gefühle der Reue haben muss und in Frieden sterben kann. Wenn dieser andere Mensch wirklich stirbt ist es für Ihn die letzte Chance noch etwas zu lösen und nicht etwas mitnehmen zu müssen in den Tod.
Für uns Hinterbliebene ist das anders, wir bleiben am Leben, können uns noch verändern, wir können noch etwas unternehmen damit es noch Gut wird für uns. Aber für den Sterbenden ist das der letzte Moment.
Oft gibt es Aussagen, man hätte das Gefühl, dass ein geliebter verstorbener Mensch anwesend sei, uns zuhört und beisteht. Wie sehen sie das?
In meiner Kultur ist es nicht verbreitet so etwas zu tun, denn wenn jemand gestorben ist spricht man nicht mehr mit Ihm, weil man weiß, dass dieser Mensch eine neue Inkarnation angenommen hat. Das ist vielleicht etwas Kulturelles. Ich habe es in Filmen gesehen, dass Menschen auf Friedhöfe gehen, um mit Ihren nahestehenden Menschen nochmal zu reden. Vielleicht ist es auch so, dass sie dadurch Erleichterung fühlen, geistigen Frieden gewinnen können und sie eine Gelegenheit haben Ihrer Sehnsucht und Liebe Ausdruck zu verleihen. Es ist sicher Emotional hilfreich. Dies scheint im Westen etwas sehr verbreitetes zu sein, in meiner Kultur ist das nicht so.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit sich im nächsten Leben wieder zu begegnen?
Wir gehen im Buddhismus davon aus, dass wir alle Milliarden von Lebenszeiten wiedergeboren wurden und auch alle schon einmal als die nahestehendsten Menschen zueinander Wiedergeboren wurden, als Familienmitglieder, als Eltern, Kinder, Geschwister usw.
Es gibt soviele Existenz Möglichkeiten in 7 Milliarden Menschen, Tieren ...
Für uns ist diese Identität, die wir in diesem Leben haben, nichts Substantielles, nichts Wirkliches.Was die größte Wirklichkeit hat, ist das Bewusstsein, welches immer wieder hinüber wandert zu einer neuen Existenz. In diesem Bewusstsein sind die Gewohnheiten eines Lebens aufbewahrt, diese werden zur nächsten Inkarnation weitergetragen. Deshalb ist es im Tibetischen auch nicht üblich Familiennamen zu haben, wir sagen an so etwas sollte man nicht Anhaften, denn in der nächsten Existenz schon wird man einen anderen Namen haben, in einer anderen Familie wiedergeboren.
Wenn es jetzt aber so ist, dass man in einer sehr engen, von Sehnsucht geprägten Beziehung zueinander Stand, dann kann es durchaus sein, dass man im nächsten Leben wieder in einer sehr engen Beziehung geboren wird z.B. als Liebende, als Eltern oder Kinder. Aber es wird auch davon gesprochen, dass wenn man z.B. jemanden umgebracht hat, jemandem sehr weh getan hat, man auch als Familienmitglied geboren werden kann. Es wird in diesem Zusammenhang auch von einem Karmischen Kind gesprochen. Dieses Kind wird dann den Eltern geboren und kann seinen Eltern sehr, sehr wehtun, weil da eben noch etwas zurückzuzahlen ist. Dies hängt ganz davon ab was man in seinen Vorexistenzen für Gewohnheiten angesammelt hat.
Diese Gewohnheiten sind es, die bestimmen wo man im nächsten Leben hinkommt und in welcher Beziehung man mit anderen geboren wird. Die Beziehung die man jetzt mit anderen hat ist maßgeblich dafür wie man nacher zu Ihnen stehen wird. Es kann also sein, dass man 10 oder 20 Millionen von Lebenszeiten in einer beständigen Beziehung zueinander immer wieder geboren wird oder es kann genauso gut sein gemeinsam in einer Familie geboren zu werden, aber sich dann niemals wieder trifft. Es ist beides möglich.
Was wäre aus Ihrer Sicht eine Unterstützung, ein Trost für die Hinterbliebenen?
Das wichtigste ist konzentriert für den verstorbenen zu beten. Aus buddhistischer Perspektive, wir im Buddhismus glauben, dass beten etwas sehr effektives ist. Es hat die Kraft sogar zu bestimmen wie die nächste Wiedergeburt des Verstobenen aussehen wird. Es wird Empfohlen die Familie und die Freunde des Verstorbenen zusammen zu bringen und positive Handlungen auszuführen, Handlungen des Mitgefühls, wohltätige Dinge in seinem Namen auszuführen und Ihm zu widmen. Gleichzeitig eben auch gemeinsam zu beten für eine bessere Wiedergeburt des Verstorbenen. Nicht konzentrieren sollte man sich auf Schuldgefühle, auf Anhaftung und die dadurch entstehende Spende des Schmerzes. Stattdessen sollte man einen aktiven Beitrag für das Wohlergehen des Verstorbenen leisten. Auf keinen Fall sollte man über die Erbschaft streiten, denn alles Negative und alle Auseinandersetzungen, die in diesem Moment stattfinden können für den Verstorbenen eine Menge Aufregung verursachen, bevor er wiedergeboren wird. Im Buddhismus glauben wir, dass man bis zu 49 Tagen in einem Bardo-Zustand bleibt, bevor man wiedergeboren wird.
Das ist eine überaus empfindliche Zeitperiode, deswegen sollte man während dieser Zeit auf keinen Fall Auseinandersetzungen über den Besitz des Verstorbenen beginnen und alles vermeiden was den Verstorbenen stören oder in Aufregung versetzten könnte. Man sollte versuchen gute und positive Beiträge für diese Person zu leisten, dies hilft einerseits dem Verstorbenen, andererseits ist es auch gut für uns selbst. Es lenkt uns ab von dem Schmerz den wir empfinden angesichts des Weggangs. Es ist auch eine Ablenkung von den Schuldgefühlen, die wir empfinden mögen sowie all den schmerzlichen Emotionen die man in dieser Situation empfindet. Dies wird einem Selbst auch helfen über diese schmerzerfüllte Zeit hinweg zu kommen.








