Geschrieben von: Wilfried Pfeffer
Buddhismus als Medizin
Der Buddhismus gilt als friedfertig und undogmatisch, stressreduzierend und persönlichkeitsstabilisierend – kurzum: eine ideale Lebensweise postmoderner Individualisten.
Das mag die westliche Faszination für den Buddhismus erklären. In der buddhistischen Praxis geht es nicht darum, etwas Besonderes zu gewinnen, etwa „heilige" Fähigkeiten, sondern vielmehr darum, etwas aufzugeben – nämlich die Anhaftung an die eigenen Wünsche und Begierden. Denn diese sind es, die Leid erzeugen. Nur wer das ständige Kreisen um das eigene Ego aufgibt – Christen würden sagen: wer den Nächsten so liebt wie sich selbst –, kann sich als Teil eines großen Ganzen begreifen, das den Tod überdauert.Ganz ähnlich hat rund 2000 Jahre später Martin Luther davon gesprochen, der Mensch müsse die Sünde des „In sich selbst verkurvt"-Seins ablegen.
Viele führt der buddhistische Weg hin zur Frage nach den eigenen Wurzeln. Allerdings propagiert der Buddhismus dazu kein höheres Wesen, keinen Schöpfer. „Wenn man nicht mehr im Mittelpunkt seines eigenen Lebens steht", sagt Richard Gere, „ist man frei." Der angestrebte Zustand der Befreiung jenseits begrifflicher Denkmuster lässt sich mit der Ratio eben gerade nicht erfassen. Die Buddhanatur – „erwacht sein" – ist ein Zustand, den dennoch jeder erreichen kann.
Er benötigt eben Anstrengungen über ein Leben hinaus. Spätestens beim ersten Liebeskummer wird man merken, wie wenig rein rationales Wissen um die Relativität der eigenen Person (und des Leidens) weiterhilft. Daher betont jede buddhistische Schule die Notwendigkeit intensiver meditativer Praxis. Nur in der schonungslosen Innenschau, im „Erkenne dich selbst", kann es allmählich gelingen, hinter eigene Denkmuster zu blicken und deren Substanzlosigkeit (ihre „Leerheit") zu begreifen. Wer sich dem Buddhismus also in der Absicht nähert, durch ein wenig Meditieren seine gestresste Psyche ruck, zuck wieder fit zu machen, dürfte enttäuscht werden: buddhistische Praktiken haben gerade nicht das Ziel, unser Ego zu optimieren, sondern im Gegenteil dessen Struktur durchschaubarer zu machen. Ein solcher Erfahrungsprozess führt zwar am Ende zu mehr Gelassenheit und Angstfreiheit; der Weg dahin ist jedoch selten angenehm. Er kann aber auch begeisternde „Aha-Erlebnisse" in uns wecken! Wie sagt doch der vietnamesische Zen-Meister Thich Nhat Hanh? „Es geht nicht darum, Buddhist zu werden, sondern Buddha zu sein."
Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Raum und Zeit begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken und Gefühle als abgetrennt von allem anderen – eine Art optische Täuschung des Bewusstseins. Diese Täuschung ist für uns eine Art Gefängnis, da sie uns auf unsere eigenen Vorlieben und auf die Zuneigung zu wenigen Nahestehenden beschränkt. Unser Ziel muß es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir den Horizont unseres Mitgefühls erweitern, bis er alle lebenden Wesen und die gesamte Natur in all ihrer Schönheit umfaßt. Albert Einstein
Wissenschaft und Medizin
Meditation – eine Naturwissenschaft. Einige der zahlreichen tibetischen Langzeitmeditierer werden auf Wunsch des 14. Dalai Lama seit 1995 regelmäßig in westlichen Universitäten (USA, Israel, Frankreich) in neurobiologische Forschungsprojekte miteinbezogen, um u. a. die langfristigen Wachstumsveränderungen bestimmter Gehirnareale zu erforschen. Erwiesenermaßen wirken diese Meditationsmethoden wie ein konkretes Bewusstseins- und Ethiktraining. Sie verändern das Frontalhirngewebe plastisch und qualitativ.
Bei negativen Emotionen (Ärger, Neid, Gier) ist die rechte Seite des Frontalhirns aktiv. Bei positiven Gefühlen (Zuversicht, Freude, Geduld) dominiert die linke Seite. Wenn wir also in Rage sind, so übernimmt die rechte Gehirnhälfte die Kontrolle über alle momentanen Wahrnehmungen,Gedanken und Erinnerungen und das Gehirn ist wie gefangen im negativen Emotionsmuster. Wenn unsere Befindlichkeit jedoch ausgeglichen, freundlich und offen gestimmt ist, dominiert die linke Gehirnhälfte. An verschiedenen neurobiologischen Forschungsprojekten wurde immer wieder dasselbe bewiesen: Durch kontinuierliche Achtsamkeitsmeditation verlagert sich die Gehirnaktivität auf die linke Seite und bei fortgeschrittenen Meditierenden erhöhen sich auch bestimmte Hormonspiegel (u.a. Oxytocin) und Enzyme (Telomerase) die mitverantwortlich sind für mitfühlendes Wahrnehmen. Sie verstärken Empathie und Selbstvertrauen und lassen Feindseligkeit, Unsicherheiten und Ängste weniger werden.
Quantenphysiker und Buddhisten
Wer erklärt uns die Welt? Physiker oder Mystiker? – Oder beide gemeinsam?
Seit Einstein weiß die Physik, dass alle Massen und Energien im ganzen Universum miteinander in Beziehung stehen. Sein bekanntes Zitat: „Da geschieht etwas Spukhaftes"! Dem Physikprofessor Zeilinger (Innsbruck) gelang das weltweit aufsehenerregende Experiment der „Quantenteleportation bei Photonen". Dabei überträgt sich der Teil eines Lichtteilchens simultan auf ein anderes in beliebig weiter Entfernung ohne Zeitverzögerung! Der Quantenphysiker Prof. Zajonic (USA) spricht von der gemeinsamen Natur von Licht und Bewusstsein. Finden unsere Gedanken, Wünsche und Gebete auf der Dynamik von Lichtteilchen statt? In fast allen menschlichen Kulturen wird, wenn jemand stirbt, eine Kerze, ein Licht angezündet. Es wird als Bewusstseins- oder Seelenlicht bezeichnet. Der Buddhismus spricht seit über 2.500 Jahren von der Meditation auf das „klare innere Licht". Die letztendliche Natur aller Lebewesen ist Licht, denn Bewusstsein ist Licht. Die alten buddhistischen Texte des Abidharma und das Kalachakra Tantra erklären diese metaphysische Lichtnatur mit dem Begriff des subtilen Lung (skrt. Prana). Der buddhistische Begriff von Leerheit erklärt uns die Welt so:
Wir alle sind also leer von einem solchen unabhängigen Selbst, das wir so lieben und uns damit identifizieren. Mit dieser Erkenntnis versucht der Buddhismus uns klar zu machen, wie einfältig wir mit der Komplexität der Natur umgehen. Wir sind mit unserer rein intellektuellen Wahrnehmung das Opfer einer großen Sinnestäuschung. Wir fallen ständig auf einen Schwindel unseres begrenzten Denkens und Verstehens herein.
Die letztendliche Wirklichkeit – die Welt – muss immer von einem multiperspektivischen Zustand der Achtsamkeit gesehen werden. Hieraus entwickelt sich dann Mitgefühl, Empathie, Toleranz, Güte und Weisheit.
Der Dalai Lama stellte die ernsthafte und provokante Frage an die Quantenphysiker: „Warum zieht positives Handeln positive Wirkungen und negatives Handeln negative Wirkungen nach sich?"
Das Bewusstsein „triggert" die Materie (die Chemie) ohne Unterbrechung mit seinen informativen Aktivitäten und verändert damit Zellen und Organe.
Diese gestaltende Kraft des Bewusstseins erwirkt auch den Plazeboeffekt. Ebenso finden wir diese Weisheit in dem Sprichwort: „Der Glaube kann Berge versetzen.








